Interview mit Johann Philipp Dilo zur hybriden VDMA Mitgliederversammlung 2020

Johann Philipp Dilo, CEO Dilo Group, und Fachverbandsgeschäftsführer Thomas Waldmann gehörten zu den wenigen Vertretern des Textilmaschinenbaus, die am 9. Oktober wegen Corona-bedingter Auflagen an dem „Präsenz-Event“ der VDMA Mitgliederversammlung 2020 zugelassen waren. Der Geschäftsführer bittet Herrn Dilo nach der Versammlung um seine Eindrücke.

Herr Dilo, Sie sind einer der wenigen, die persönlich an der Mitgliederversammlung 2020 in Wiesbaden teilnehmen konnten. Was nehmen Sie mit? Wie empfinden Sie den Unterschied zu einer rein virtuellen Teilnahme?

Johann Philipp Dilo: Ich finde, dass diese „Hybrid“-Veranstaltung aus der momentanen Lage das Beste gemacht hat, indem ein Teil physischer Präsenz aufrechterhalten wird durch „Stellvertreter“, die z. B. (wie in meinem Fall) als Hauptvorstandsmitglieder das Privileg haben, persönlich teilnehmen zu können, und dabei zwar nicht gleichzeitig die Stimmrechte anderer Mitglieder übernehmen, aber doch repräsentativ für ein größeres Publikum in Erscheinung treten. Mir erscheint dieser Weg plausibel, um in einer schwierigen Zeit zumindest einen Teil an Veranstaltungsatmosphäre, gesprächsweisen Austauschs und mit Diskussionsbeiträgen zu übernehmen und zu retten. Eine rein virtuelle Teilnahme – finde ich – wäre zwar möglich und findet häufig genug tagtäglich in unserem Berufsleben statt, erreicht aber nie wirklich die Qualität eines persönlichen Informationsaustauschs. Dafür verantwortlich sind immer noch die zahlreichen technischen Unzulänglichkeiten der Videokonferenzen und das dabei nahezu vollständige Fehlen von Körpersprachesignalen, die als Futter auch für emotionale Intelligenz gebraucht werden.

Herr Dilo, als Vorsitzender des Fachverbands bis zum Juni 2008 kennen Sie die großen Themen der VDMA-Interessenvertretung, bitte kommentieren Sie die politische Arbeit des VDMA und welche Bedeutung Sie diesem Engagement für den Textilmaschinenbau beimessen?

Johann Philipp Dilo: In den letzten Jahren war ich zunehmend ungeduldig geworden im Hinblick auf unsere Versuche, Regierungsstellen für die politischen Belange des Maschinenbaus positiv einzunehmen. Kurz: Mir schien das Ergebnis unserer sicher nachdrücklichen Bemühungen zu schwach, da wir in den Jahren der großen Koalition zu meinem Bedauern immer weniger Rücksicht auf klassisch konservative und liberale Standpunkte feststellen mussten. Es ist zwar verständlich, dass ein großer Verband wie der VDMA keine parteipolitische Positionierung anstreben kann; wohl aber gilt es gesetzgeberische Auswüchse zu bekämpfen wie die außer Kontrolle geratene Bürokratisierung, die ich persönlich als „Verüberbürokratisierung“ empfinde und bei der gerade in jüngster Zeit einige herausragende Negativbeispiele zu verzeichnen sind wie z. B. der Entwurf eines so genannten „Lieferkettengesetzes“, wo hoheitliche, zwischenstaatlich zu regelnde Aufgaben der Wirtschaft übertragen werden sollen, mit unklaren Bedingungen über Zuständigkeiten und Verantwortung und folglich Haftung. Ähnliches gilt für ein Unternehmensstrafrecht, wo Verfehlungen des Managements durch sehr hohe Bußgelder den juristischen Personen der Unternehmen zusätzlich auferlegt werden sollen. Aus meiner Sicht ist dies auch verfassungsrechtlich wirklich nicht gut begründbar. Dies hat mich also in letzter Zeit beschäftigt; ich komme aber zwischenzeitlich zu der Erkenntnis, dass unser bisheriger Präsident, Herr Welcker, sich sehr wohl und auch sehr deutlich bemüht hat, den Finger in diese Wunden zu legen. Gleiches gilt für die Hauptgeschäftsführung durch Herrn Brodtmann und ich sehe auch, dass sich hier unser Bundeswirtschaftsminister Herr Altmaier klar bekennt und gegen diese Auswüchse innerhalb der Gesamtregierung bereit ist, Stellung zu beziehen. Dies sind also alles gute Zeichen für eine stärkere politische Profilierung des VDMA, die nach meiner Auffassung auch dringend geboten ist.

Lieber Herr Dilo, vielen Dank für Ihre Einschätzungen.